05.03.1917

Ein toter Feind

 
 

“Es tat mir leid um den armen Kerl, wie er da lag, in einer Munitionshöhlung, die Füße weiß vom Schnee.“

 
 

Nach dem Ende der Somme-Schlacht planen die Deutschen den Rückzug auf die sogenannte "Siegfriedstellung" (von der Entente "Hindenburglinie" genannt). Dadurch soll die deutsche Verteidigungslinie an der Westfront verkürzt und damit stabilisiert werden. Bis zum Rückzug, der Mitte März erfolgt, finden weiterhin Abwehrkämpfe gegen britische Truppen statt. Für einen der Gegner, die dabei umkommen, empfindet Jünger Mitleid.

Um 4.30 hatten Posten vor unserm Drahtverhau Gestalten gesehen, die sich im Draht zu schaffen machten, und [Leutnant] Eisen benachrichtigt. (…) Eisen raffte rasch vier Mann zusammen und sprang aus dem Graben, wobei er eine Reihe Handgranaten werfen ließ. Fünf der Angreifer wandten sich zur Flucht, zwei blieben im Draht liegen, anscheinend von den Handgranaten getroffen. Sie wurden gleich gefasst, und in unsern Graben geschleppt. Der eine, ein Offizier, starb gleich darauf, schwer an der Schulter getroffen. (…)
Der Leutnant, der wie aus den Papieren und den Uniformknöpfen geschlossen wurde, den Namen Stokes trug und dem Royal Munster 2. Füsilier-Regiment angehörte, hatte ein intelligentes, aber vom Tode verkrampftes Gesicht. Er war sehr gut angezogen und hatte eine Menge Londoner Mädchenadressen bei sich. Es tat mir leid um den armen Kerl, wie er da lag, in einer Munitionshöhlung, die Füße weiß vom Schnee.
Ich wollte den Leutnant Stokes hinter meinem 2. Graben beerdigen lassen und hatte dazu aus Stollenbrettern ein Kreuz fertigen lassen, jedoch am Abend läutete das Telefon an und das Bataillon forderte den Toten an, um ihn hinten bestatten zu lassen. So bin ich dieser kameradschaftlichen Pflicht enthoben. Das Kreuz habe ich mit heruntertragen lassen. Vielleicht schreibe ich nach beendetem Kriege noch mal an die Familie des braven Offiziers, um ihr Schicksal und Begräbnis mitzuteilen.