02.06.1915

Gefangennahme

 
 

“Wie ich aber näher kam, fast bis zum Schützengraben, bemerkte ich, dass es Russen sind. Aber was will man machen, wenn einen das Unglück so trifft?“

 
 

Den österreichischen Heeresberichten zufolge haben die Russen ihre verwundeten Gegner während der Gegenoffensive angeblich nicht gefangengenommen, sondern erbarmungslos getötet. Doch Karl Kassers Schicksal verläuft anders.

So lag ich ohne Hilfe und Beistand die ganze Nacht. Zum Glück wusste ich nichts was um mich vorging. In der Früh als es grau wurde, kam mir langsam das Bewusstsein. (…) Nun kam ich doch langsam zu Verstand. Konnte mir gar nicht denken wie das kommt, dass ich nicht aufstehen konnte. Sah ich erst, dass ich voll Blut bin. Der Atem ging so schwer, die Nase und der Mund waren ein Blutstock. Da fiel mir doch wieder ein, dass ich verwundet wurde. Wie aber das kommt, dass ich hier so liegen muss, und kein Mensch bei mir ist? (…)
Ein dichter Nebel war ringsherum, dass man nicht weit sehen konnte. Endlich bemerkte ich in geringer Entfernung Leute, die wahrscheinlich auf Beobachtung waren. Als der Nebel verging, bemerkten sie, dass da noch jemand am Leben ist. Kam mir näher und winkte, dass ich zu ihm kommen solle. Voll Freude und Schmerz schleppte ich mich hin, in dem Gedanken, bin doch nicht ganz verlassen. Glaubte anfangs es sind unsere. Wie ich aber näher kam, fast bis zum Schützengraben, bemerkte ich, dass es Russen sind. Aber was will man machen, wenn einen das Unglück so trifft. (...) Sie waren ganz gut mit mir, setzten mich nieder, um mich zu verbinden.